Gedanken zum Ehrenamtstag 2026

Heutzutage gibt es viele neue Wortschöpfungen in der deutschen Sprache, die man mal mehr, mal weniger sinnvoll finden kann – jedoch hat sich leider noch kein neuer Begriff für das Ehrenamt etabliert. Und obwohl meine gesamte Familie seit jeher im Ehrenamt verwurzelt ist, hadere ich bis heute mit dem Begriff „Ehrenamt“. Vom Ursprung bis zur heutigen Bedeutung liegen Welten dazwischen, die für mich nicht so recht zusammenpassen – aber das ist eine andere Geschichte.

1788 gründete Herr Caspar Vogt aus Hamburg die erste Armenanstalt mit über 200 freiwilligen Helfern. „Um 1900 war das Ehrenamt stark von Pflichtbewusstsein, Wohltätigkeit und Moral geprägt. Die Motivation reichte von der christlichen Nächstenliebe bis zur gesellschaftlichen Integration …“ Damals wie heute.

Anfang des 19. Jahrhunderts entstand das politische Ehrenamt. Aus finanzieller Not heraus verpflichtete Friedrich Wilhelm III. wohlhabende Bürger, unentgeltlich mitzuhelfen. 1808 liest man den Begriff „Ehrenamt“ erstmalig in der Preußischen Städteverordnung. Die vielen nicht wohlhabenden Bürger, die halfen, hatten die Ehre. Nur die Ehre als Bezahlung ernährt keine Kinder – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Ich glaube daran – und das habe ich 2015 hier in Kiel erlebt –, dass das Wesen des Menschen gut ist. Anderen zu helfen, ist etwas, das wir Menschen tief in uns bewahren. Wird dies weitergetragen und weitergegeben, verändert sich die Welt.

Die vielen jungen Mädchen und Frauen, die ins Zauberwerk kommen, träumen wirklich fast alle von einem medizinischen Beruf. „Weil ich helfen möchte … ich möchte gesund machen.“
Schon früh haben sie erfahren, wie sich Hilflosigkeit anfühlt — als lähmende Ohnmacht. Ihre Eltern suchen in der neuen Welt oft selbst noch nach Halt, den sie weitergeben könnten.
Und dennoch sind es starke junge Frauen. Sie werden ihren Weg finden.

Wir haben mit dem Zauberwerk ehrenamtlich einen wunderbaren Ort geschaffen, der viele schöne Dinge zulässt, der wachsen lässt, der möglich macht – der mithilft, das Selbstvertrauen dieser kleinen und großen starken Menschen im geschützten Raum aufzubauen. Unser erstes Ziel bei der Vereinsgründung war es, Menschen dabei zu unterstützen, ihren Weg zu finden. Dafür haben wir im Sommer 2014 als Familie beschlossen, einen Verein zu gründen. Und dafür haben wir von allen Seiten eine Unterstützung erfahren, die ihresgleichen sucht. 🙂

Wir haben unseren Verein dann im September 2014 gegründet und fanden schnell die Vernetzung mit der ZBBS. Die ZBBS, insbesondere in Person von Idun Hübner, war gerade in den ersten Jahren ein Leuchtturm für uns alle.

Für mich war es eine große Ehre, mit Frau Idun Hübner von der ZBBS und mit Herrn Rainer Pasternak, Kulturreferent Stadt Kiel, mittlerweile i. R., zusammenzuarbeiten und unseren Verein aufzubauen. Diese beiden Menschen der Öffentlichkeit erleben zu dürfen, die ihre Berufung zu ihrem Beruf gemacht haben, die in ihrer Arbeit nie das Herz verloren haben – egal, wie oft die Welt einstürzte –, war ein Geschenk. Die beiden haben für unzählig viele Menschen Unmögliches möglich gemacht! Die Kraft von Idun und Rainer, die so viel Gutes für Menschen geschaffen haben, beeindruckt mich bis heute nachhaltig. Mir ist bewusst, wie kostbar solche Menschen, die in Lösungen denken, für unsere Gesellschaft sind. Die beiden haben Kiel positiv und nachhaltig geprägt, – aber das ist wieder eine andere Geschichte. Gibt es das Bundesverdienstkreuz im Doppelpack?

Unsere Arbeit im Schusterkrug vor Ort, fing Anfang März nach langen Vorbereitungen, vielen Veranstaltungen, vielen Gesprächen, an. Gemeinsam mit dem christlichen Verein begann die Reise. Anne Jost und Katja Kuhlmann ( Der Name war Programm!) haben im „2015-Chaos“ nicht nur den Überblick behalten, sondern waren für viele Ehrenamtliche und Mitarbeitende ein Anker und Vorbild. Damals miterleben zu dürfen, wie viele gute Leute über sich hinausgewachsen sind und zusammengearbeitet haben; wie ein Herr Arne Leisner von der Stadt Kiel Probleme vor Ort bewältigen musste, die man sich gar nicht ausdenken konnte (und dann noch dieser Fahrradkeller! :-)) … das ist unverrückbar tief verankert und hat immer geholfen, allen Anfeindungen und Widrigkeiten gegen meine Person und gegen unseren Verein bis heute standzuhalten.

Es gab zwei Momente in den mittlerweile bald zwölf Jahren meiner Arbeit, die nicht an mir abgeperlt sind.

Der erste Moment war, als ich in den Anfangsjahren auf Einladung des damaligen Migrationsforum Kiel im Ratssaal saß und in der anschließenden Diskussion von einem anderen Anwesenden mit dem Vorwurf „typisch Nazi“ zum Schweigen gebracht wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Wort noch nicht so sträflich inflationär genutzt wie heute. Niemand der Anwesenden griff ein, niemand sagte etwas dagegen. Immerhin stellte sich der zu der Veranstaltung geladene politische Comedy-Gast schützend an meine Seite. Die Folgeveranstaltung wurde zu Recht nur von einer Person besucht.

Der zweite Moment war nach der Ortsbeiratssitzung in Holtenau 2021. Es ging um die Sitzung mit dem Tagesordnungspunkt „Gemeinsam Kiel gestalten“, die meine Tochter vertretungsweise für mich besuchte. Was sich dort abspielte, war nicht nur für meine Tochter schwer zu ertragen. Dieses unwürdige Auftreten der „Truppe Holtenau“ gegenüber einer engagierten Bürgerin wurde im Nachgang dann immerhin ohne unser Zutun an anderer Stelle nachgearbeitet. Das war beruhigend.

Und die anderen unangenehmen Geschichten zu unserer Arbeit und unserem Verein kommen in die Schublade „Viel Feind, viel Ehr“. Womit wir wieder bei der Ehre wären. Wir haben sogar 2016 die Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein bekommen.

Zu Recht!

Wir fühlen uns geehrt!

Stefanie Sievert, Doris Dold, Katharina Sturm, Dagmar Zindler und Jochen Sturm haben für die WillkommensInitiative Friedrichsort e. V. – stellvertretend für all die vielen Helferinnen und Helfer im Schusterkrug – die Ehrennadel von Thorsten Albig entgegengenommen. Am Montag, dem 27. Juni, verlieh Ministerpräsident Albig sechs Frauen aus Schleswig-Holstein für ihren Einsatz in der Flüchtlingshilfe die Ehrennadel des Landes.Ausgezeichnet wurden M. Bening (Bebensee), H. Knäblein (Lehe), S. Sievert (Kiel), S. Wagner (Rellingen), R. Wohlert (Schafstedt) und A. Tesche (Berkenthin).
https://wifev.zauberwerk-kiel.de/?p=4452 – aus dem Archiv.

Diese Ehrennadel hat z. B. nicht zu dem wunderschönen Raum geführt, den wir später im Schusterkrug für das Zauberwerk bekamen und den wir bis heute verteidigen konnten. (Ein kleiner Streik half und die unermüdliche Katharina Sturm!) Auch bekommt man mit dieser Ehrennadel nicht mal 1x im Jahr den leeren Raum/das Café direkt gegenüber auf dem Flur des Zauberwerks für eine Jahresabschlussfeier zwischen den Jahren. Letztmalig versucht im Dezember 2025. Dort, wo wir früher kochen konnten, die vielen Kinder betreuten, Nähmaschinenführerschein-Feiern abhielten und Nachhilfe durchführen konnten. Nun muss immer alles unter-, neben-, über- und hintereinander stattfinden: geht nicht, gibt es ja nicht!

Das Miteinander ist geblieben.